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Berliner Zeitung, 18. Februar 2002

Sie werden platziert

Eberhard Diepgen hat nicht wahrhaben wollen, dass die Berliner CDU ihn nicht mehr an der Spitze will - und deshalb hat die Partei es wahr gemacht

Brigitte Fehrle


BERLIN, 18. Februar. Eberhard Diepgen liebt Begriffspaare. Sparen und Gestalten zum Beispiel. Das sagte er gern in seinen Reden in den neunziger Jahren, als klar war, dass Berlin nie mehr wie zu Mauerzeiten sorglos in den Tag hineinleben konnte. Er sagte es immer dann, wenn er die Bürger glauben machen wollte, es könne etwas Gutes im Schlechten geben.

In den letzten Monaten sprach Diepgen oft von Kontinuität und Erneuerung. Es ging um die Partei und ihr Personal. Er sagte das zu sich selbst, wenn er sich einreden wollte, der Lauf der Zeit mache einen Bogen um ihn. Denn eigentlich ging es um ihn, Eberhard Diepgen, 60.

Diepgen hat bis zuletzt gelaubt, er könne den Nachwuchs platzieren, nachdem er selbst Platz genommen hat. Noch in seiner Eröffnungsrede der Parteiversammlung in einem düsteren und schmucklosen Saal des Kulturforums Hohenschönhausen sagt er den Delegierten, bei der Aufstellung der Liste für die Bundestagswahl gehe es um "Erfahrung und Erneuerung". Die Partei versteht richtig. Kaum zwei Stunden später spricht sie ihr Urteil. Eberhard Diepgen wird abgewählt. Für seine Kandidatur auf dem Spitzenplatz der Landesliste bekommt er nur 123 Stimmen. 161 Delegierte sagen Nein zu Diepgen.

Als der Tagungsleiter Christoph Stölzl mit leiser und freundlicher Stimme das Ergebnis vorliest, sitzt Diepgen in der zweiten Reihe. Vor ihm ein Dutzend Fotografen und Kameraleute. Diepgen schaut niemanden an. Er hat das Gesicht zur Seite gewandt. Mehr Möglichkeiten Distanz zu wahren hat er nicht. Er schaut schräg nach unten, sieht niemandem in die Augen. Neben ihm sitzt Peter Kittelmann. Er sitzt schon immer neben Diepgen. Kittelmann hat für den Landeschef die Mehrheiten organisiert. Bis zuletzt. Und auch jetzt, als eigentlich schon alles zu spät ist, geht er noch einmal ans Mikrofon. Sagt, was Diepgen sagen würde. Nicht die Delegierten, hätten dieses Desaster verschuldet, "sondern diejenigen, die die Delegierten dazu veranlasst haben". So denkt er. So denkt Diepgen.

Natürlich ist vielen in diesen Stunden nicht wohl. Wer stürzt schon gern den Patriarchen. Natürlich hat Diepgen nicht alles falsch gemacht.
Selbstverständlich sind an der Schuldenkrise alle schuld. Die Sozialdemokraten ebenso wie die CDU. Auch den Bankenskandal hat Diepgen nicht allein zu verantworten. Und alle wissen: Wir waren dabei. Wir haben profitiert. Deshalb wollen sie, dass Eberhard Diepgen freiwillig in die zweite Reihe geht.

Einige halten sich zugute, sie hätten alles versucht, um Diepgen eine öffentliche Blamage zu ersparen. Wie der ehemalige Parlamentspräsident Reinhard Führer. Er fordert noch kurz vor der Abstimmung Diepgen auf, den Anspruch auf den ersten Platz aufzugeben. "Eberhard, du hilfst uns allen damit", appelliert er in ungewohnt persönlichem Ton an seinen Landesvorsitzenden. Diepgen will der Partei ja helfen. Deshalb kandidiert er ja. "Für die CDU, für Berlin." Es hört sich an, als glaube er das wirklich.

Führer scheint es ehrlich zu meinen. Andere reden weniger uneigennützig. Wie der Fraktionschef Frank Steffel, Diepgens "Kronprinz". Steffel hat Diepgen alles zu verdanken, was er ist. Er machte ihn zum Fraktionsvorsitzenden, als sein langjähriger Freund Landowsky wegen der Bankenaffäre gehen musste. Und er setzte ihn als Spitzenkandidaten zur Wahl im vergangenen Oktober durch. Diepgen hat es sich für Steffel auch mit Parteichefin Angela Merkel verdorben. Die wollte damals Wolfgang Schäuble als Spitzenkandidat nach Berlin schicken.

Und jetzt ist es ausgerechnet Steffel, der die Delegierten an diesem Samstag ermutigt, gegen Diepgen aufzustehen. Er ruft in den Saal, er habe in den vergangenen Tagen "alles versucht, um eine Lösung zu finden". Diepgen solle doch bitte den ersten Platz freigeben für Günter Nooke, den Ostdeutschen, den ehemaligen Bürgerrechtler. Steffel bekommt viel, viel Beifall. Diepgen solle eine "Ehrenrunde drehen" dürfen im Bundestag, sagt der Delegierte Alexander Strassmeier aus Wilmersdorf. Aber nicht auf Platz eins. Schließlich schaue "halb Berlin jetzt, wie wir uns erneuern". Die Junge Union darf Plakate hochhalten. Zukunft gestalten nur Zukünftige, steht drauf. So was gab es noch nie. Bei der CDU.

Es ist ein öffentlicher Streit. Aber er ist gründlich vorbereitet. Frank Steffel beherrscht die alten Spielregeln. Und neue dazu. Dem ist Diepgen nicht gewachsen. Dazu ist er zu skrupulös, zu wenig bestimmt. Diepgen ist von dem Schlag Politiker, die zwar im Zweifel alles decken, selbst aber nicht angreifen können. Als der freundliche Christoph Stölzl Eberhard Diepgen fragt, ob er Steffels Vorschlag folgen und auf Platz zwei rücken wolle, schüttelt der nur den Kopf. Stur nennen das einige, raten im nachzugeben. Aber Diepgen hat jetzt, so sieht er es jedenfalls selbst, keine andere Wahl. Die Partei soll jetzt über ihn richten. Über neunzehn Jahre Parteivorsitzender und über insgesamt sechzehn Jahre als Regierender Bürgermeister. Er ahnt wohl schon, wie das Urteil ausfallen wird.

Vielleicht ist Eberhard Diepgen der Einzige, der in der Situation genau weiß, was er tut. Aus seiner Sicht ist nichts mehr zu retten. In dem Augenblick, als Christoph Stölzl ihn fragt und er den Kopf schüttelt, ist ihm klar, dass es für ihn in seiner Partei nichts mehr zu tun gibt. Die Neuen haben jetzt, was sie wollten. Aber wollten sie das?

Wer führt in Zukunft die Berliner CDU? Günter Nooke wahrscheinlich ja nicht. Der ehemalige Bürgerrechtler, seit 1997 in der CDU, seit 1998 im Bundestag steht jetzt auf Platz eins der Liste. Er steht dort, weil einer gebraucht wurde, der außer Konkurrenz läuft. Nooke wird niemandem gefährlich, er will in Berlin nicht mächtig werden, er will auf der Bundesbühne spielen.

Die schon nicht mehr so jungen Liberalen Peter Kurth, ehemaliger Finanzsenator, und Monika Grütters, Abgeordnete, haben heute gute Jobs in der Wirtschaft. Sie und ihre Freunde wollen eine neue CDU, eine offenere Partei. Aber sie wollen persönlich nichts dafür drangeben. Sie haben ihre Karriere Eberhard Diepgen zu verdanken. Sie wollten, dass Diepgen geht, aber nicht, dass er stürzt.

Anders steht es um Frank Steffel, der Fraktionschef und gescheiterte Wahlkämpfer. Er ist der Einzige, der wirklich etwas will. Und zwar alles. Die ganze Macht. Er will Fraktionschef bleiben und Parteichef werden. Und womöglich in vier Jahren wieder Spitzenkandidat in Berlin sein.

Und dann sind da ganz viele andere, Kreisvorsitzende, Delegierte, Abgeordnete, die besorgte Mienen machen. Sie wollen alles mögliche und sind sich nur in einem einig: Frank Steffel darf nicht alles werden, was er werden will.

Also muss man Zeit gewinnen. Was im ersten Moment wie eine Verlegenheitslösung klingt, könnte vielleicht für die Berliner CDU der Ausweg sein: Volker Hassemer, ehemaliger Umweltsenator oder auch Christoph Stölzl, bis vor wenigen Monaten Kultursenator sind als Parteichefs im Gespräch. Zwei Politiker aus der Generation Eberhard Diepgens - aber nicht aus seinem Milieu. Hassemer oder Stölzl könnte Ausschau halten nach neuen Jungen in der Partei. Nach Leuten wie Georg Eickhoff aus Lichtenberg. Der 36 Jahre alte Historiker kandidiert am Sonnabend für eine kurze halbe Stunde gegen Diepgen auf Platz eins. Nicht um zu gewinnen, sondern aus Gründen der politischen Hygiene. Und vielleicht auch, um seinem Kreisvorsitzenden eine Freude zu machen. Siegfried Nünthel wurde, wie er sagt, in dieser halben Stunde von mehr Parteifreunden angesprochen "als in den zehn Jahren davor". Eickhoff ist Neu-Berliner. Er arbeitet in der baden-württembergischen Landesvertretung, hat das CDU-Bildungsprogramm mit erarbeitet, und ist in der Partei "wegen des C im Namen".

Vielleicht sind es Leute wie Eickhoff, die das neue Gesicht der Berliner CDU prägen werden. Das geht nicht mit Kontinuität und nicht mit Erneuerung. Dafür braucht es den Bruch. Und einen Neuanfang.