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Die Welt, 18. Februar 2002

Ein Denkmal-Sturz per
Domino-Effekt

Nach der faktischen Abwahl Diepgens ist die Berliner CDU führungslos und noch für weitere Überraschungen gut

Von Konrad Adam

Wenn Einzelwesen enthauptet werden, sind die Folgen tödlich. Bei künstlichen Organismen wie den politischen Parteien ist das anders, da kann die Enthauptung wie eine Befreiung wirken. Die Berliner CDU, durch den jahrzehntelangen Machtbesitz korrumpiert, hat sich am Wochenende enthauptet und zugleich befreit. Die faktische Abwahl des ewigen Bürgermeisters Eberhard Diepgen war eine überraschende und riskante Operation. Wenn die Behauptung, dass jedes Risiko auch eine Chance sei, jemals zutraf, dann aber hier.


Denn Diepgen ist ja nicht als Einziger gefallen. Sein ständiger Begleiter, der wendige und windige Klaus Landowsky, war schon vor Monaten als Fraktionsvorsitzender abgelöst worden. Der Dritte in diesem Männerbund, der Bundestagsabgeordnete Peter Kittelmann, dürfte seinen Parteifreunden demnächst folgen. Er war so altmodisch, auf der Parteiversammlung Diepgen die Stange zu halten. Er hatte also aufs falsche Pferd gesetzt, und so etwas verzeiht eine Partei niemals, die CDU schon gar nicht.

Noch vor einer Woche hatte sich Diepgen im Vorstand der Partei mit seinem Wunsch, die Landesliste anzuführen, gegen seinen Konkurrenten Günter Nooke knapp, mit zehn zu acht Stimmen, durchgesetzt. Das mobilisierte nicht nur den bekannten Galeristen Bernd Schultz, der unter dem Motto "Berlin braucht Bürger" in einem offenen Brief von Diepgen den Verzicht auf seine Kandidatur verlangt hatte, sondern auch die innerparteiliche Opposition. An deren Spitze setzte sich der bislang fast unbekannte Georg Eickhoff, Mitarbeiter der baden-württembergischen Landesvertretung, langjähriger Gehilfe der dortigen Kultusministerin Annette Schavan und Direktkandidat für den Bundestag im Berliner Bezirk Lichtenberg. In einem gut arrangierten Zusammenspiel überraschte er die Delegierten mit seiner Ankündigung, gegen Diepgen um den ersten Platz der Landesliste kämpfen zu wollen.

Damit hatte Eickhoff einen Dominoeffekt ausgelöst. Man redete auf Diepgen ein, appellierte an ihn, bat ihn förmlich, auf seinen Anspruch zu verzichten; aber Diepgen ließ sich nicht umstimmen, auch nicht, nachdem Eickhoff seinerseits von seiner Kandidatur zurückgetreten war. So kam es zur Abstimmung, die überraschend deutlich gegen die alten Patriarchen ausfiel. Nach dieser Niederlage verzichtete Diepgen auf beides, auf den ersten Listenplatz und auf den Landesvorsitz der Berliner CDU.

Jetzt ist guter Rat teuer. Zunächst einmal dürfte der für Mai angesetzte Landesparteitag, auf dem ein neuer Vorsitzender gewählt werden soll, vorgezogen werden, denn die Partei ist gegenwärtig führerlos. Auch weiterhin sollte man sich auf Überraschungen gefasst machen; Namen wie der von Volker Hassemer, dem früheren Kultursenator, werden inzwischen höher, der von Frank Steffel, an dessen hemdsärmeligem Führungsstil kein Mensch Gefallen findet, niedriger gehandelt. Ähnliches gilt für die Hoffnungsträger der nächsten Generation, die ihren Aufstieg samt und sonders der Protektion durch Diepgen und Landowsky verdanken. Die Leute, mit denen in Zukunft zu rechnen sein wird, heißen Günter Nooke, Joachim Zeller, Christoph Stölzl und Georg Eickhoff. Am Wochenende wurde er zum ersten Mal in Parteikreisen bewusst wahrgenommen. Und von Frank Steffel gleich mit "Du" begrüßt.