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Berliner Seiten der FAZ,
20. Februar 2002

Herrschaftsfreier Diskurs erwünscht

Der CDU-Rebell Georg Eickhoff und sein Netzwerk

Nun müssen die Kreisvorsitzenden der Berliner CDU den Soziologen Jürgen Habermas lesen. "Wir wollen jetzt a bißle herrschaftsfrei diskutieren", sagt Georg Eickhoff, der 36 Jahre alte Historiker, der am vergangenen Wochenende überraschend gegen Eberhard Diepgen antrat und damit zumindest einen weiteren Anlass zum Sturz des CDU-Landesvorsitzenden lieferte. Er sei kein Fan der Habermasschen Diskurstheorie, aber mit den Regionalkonferenzen und Mitgliederversammlungen beginne in der Berliner CDU ein "reinigender Erneuerungsprozess", wie ihn die Bundespartei im Januar 2000 erlebt habe. Angela Merkel habe damals einen öffentlichen Brief über den Zustand der CDU geschrieben, er, der "kleine Eickhoff", habe nur eine halbe Stunde auf der Landesvertreterversammlung die Fahne hoch gehalten. Zu Diepgens Satz, nach dem die Kritik an seiner Kandidatur nichts weiter als "Klugscheißerei" sei, zitiert Eickhoff nur ein brasilianisches Sprichwort: "Der Fisch stirbt durch den Mund."

Die "Zeit der Demütigung der CDU-Basis" durch die mittlere Funktionärsschicht sei vorbei, die Strippenzieher in den Kreisverbänden, hofft Eickhoff, würden bald stumm werden. Jetzt sei die Meinung der Mitglieder gefragt, so wie vor zwei Jahren, als die CDU auf Regionalkonferenzen sondierte, wer den Bundesvorsitz übernehmen könnte. "Die Meinungsfilter der mittleren Kader versagen, das ist für uns kriegsentscheidend." Eine Schlüsselszene auf der Landesvertreterversammlung sei die Rede des Kreisvorsitzenden von Mitte, Kittelmann, gewesen. Als dieser behauptet habe, die Verantwortung für Diepgens Abwahl hätten diejenigen, die die Delegierten hierzu ermuntert hätten, hätten sich die Leute vor Lachen auf die Schenkel geklopft. "In der politischen Theorie nennt man so etwas eine negative Akklamation", sagt er. Die Basis habe in diesem Moment den Exitus der Diepgen-CDU notariell beurkundet.

Vieles von dem, was Eickhoff sagt, klingt einfacher als es sein wird. Der Historiker hat in Berlin studiert und über das "Charisma der Caudillos Cárdenas, Franco und Perón" promoviert, in der lokalen CDU ist er ein Neuling, der auch weiß, dass das Alte nicht über Nacht Platz macht für das Neue. Allerdings glaubt Eickhoff nicht, dass der "Fremdheitsfaktor" seiner guten Absicht, die CDU zu verändern, im Wege stehen könnte. Eickhoff ist kein Einzelgänger, sondern kann sich auf ein Netzwerk von Gleichgesinnten verlassen: Als Beauftragter für Bildung und Forschung in der baden-württembergischen Landesvertretung hat er gute Kontakte zur CDU-Bundestagsfraktion, die die Ablösung der alten Diepgen-Mannschaft durchaus mit einem gewissen Wohlwollen verfolgt. An dem ersten Treffen der "Hugenotten" in der Weinstube der Landesvertretung am 7. Dezember nahmen Eickhoff, Joachim Zeller, Peter Kurth, Günter Nooke und der Geschäftsführer der nordrhein-westfälischen Landesgruppe, Markus Schulz, teil.

Während es Internetseiten der Berliner CDU gebe, auf denen mit der Alliteration "dynamisch, demokratisch, deutsch" geworben werde, begrüßt es Eickhoff, wenn man ihm die Adjektive "demokratisch, katholisch, erfolgreich, gebildet" anheftet. Eickhoff ist in Köln geboren und in der Eifel aufgewachsen. Nach seiner Doktorarbeit war er Grundsatzreferent im baden-württembergischen Kultusministerium (1996-1999), später persönlicher Referent von Annette Schavan. Die bildungspolitischen Leitsätze der CDU hat er mitverfasst. Die Forderung, der neue Landesvorsitzende müsse aus der "Tiefe der Partei" kommen, klinge nach 19. Jahrhundert und altem Denken. Der Begriff "Netzwerkpartei", wie ihn zum Beispiel der SPD-Bundesgeschäftsführer benutze, sei ihm sympathisch. "Parteien sollten heute nur noch Netzwerke sein und keine Kungelrunden."

Ob nun Nooke oder Zeller oder Stölzl der bessere Landesvorsitzende sei, will der Historiker nicht sagen, über den ehemaligen Museumsdirektor Stölzl sagt er, dass er eine "geistige Orientierungsfigur für die Stadt und die Republik" sei. Berlin ist in den Augen Eickhoffs eine geistlich-sehnsuchtsvolle Stadt", die eine CDU, die ihr "C" herausstreiche, gebrauchen könne. Der christlich-demokratische Rebell aus Hohenschönhausen-Lichtenberg empfindet es nicht als Verunglimpfung, wenn man ihn einen missionarischen Neuerer nennt. Mit seiner Familie, seine Frau ist Künstlerin, sein Sohn besucht die katholische Mauritius-Grundschule in Lichtenberg, ist er an den Strausberger Platz gezogen. Nummer 60. Sein Nachbar heißt Hans Modrow. Nummer 62. Manchmal sagt Eickhoff, treffe er den verbitterten alten Mann beim Obsthändler.

Ein Buch von Jürgen Habermas hat den Titel, "Die neue Unübersichtlichkeit". Auch das passt zur Berliner CDU, deren beliebtestes Thema nun ihre Erneuerung ist. Einer wird sich mit der Theorie des kommunikativen Handelns nicht mehr beschäftigen müssen: Peter Kittelmann, Deutschlands dienstältester Kreisvorsitzender, wird von den jungen Wilden bedrängt, diesen Posten abzugeben. Bis zum 27. Februar.

Rüdiger Soldt