Gesprächskreis Hauptstadtunion
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Berliner Zeitung, 4. März 2002

"Grüß Gott, ich hab den
Diepgen gestürzt"


Wie Georg Eickhoff mit den Hugenotten die Berliner CDU verändern will und dabei die Hauptstadt neu erfindet

Brigitte Fehrle

BERLIN, 3. März. Georg Eickhoffs Telefon klingelt jetzt häufig. Oft sind Journalisten dran. Oder Parteifreunde, die erzählen wollen, wie es ihnen erging, als sie - neu in Berlin - das erste Mal bei ihrem Ortsverband anklopften. Georg Eickhoff ist CDU-Mitglied. Er hört von überall dieselben Geschichten. "Desinteressiert und abweisend", würde den Neuen begegnet, erzählt er. Bis jetzt. Bis Georg Eickhoff, 36, aus dem CDU-Kreisverband Lichtenberg mit einer Gruppe von Neuberlinern, Ossis und Jungen das Machtkartell der Berliner Union zum Einsturz gebracht hat. Ohne Eickhoff und die Hugenotten - wie sie sich nennen - wäre Eberhard Diepgen nicht zurückgetreten.

Und jetzt hat auch noch Peter Kittelmann aufgegeben. "Stellen Sie sich das vor!" Kittelmann, das Synonym für die Hauptstadt-Union. "Den kennt jeder in der CDU - bundesweit", sagt Eickhoff und es klingt, als könne er noch nicht wirklich ermessen, was passiert ist.

Georg Eickhoff sitzt auf einem schwarzen Ledersofa in der Bibliothek der Baden-Württembergischen Landesvertretung. Die Landesvertretung ist sein Arbeitsplatz. Seit 1987 ist er in Berlin. Er betont das. Er will nicht der "Zugereiste" sein. Eher der Berliner der Zukunft. Als gebürtiger Rheinländer vertritt er in der Bundeshauptstadt das südwestliche Bundesland. Er hat in Berlin, Frankreich, Spanien und den USA studiert und lebt jetzt mit seiner brasilianischen Frau in Friedrichshain. Multikulti eben. Auch politisch. Eickhoffs Eltern sind Wechselwähler. Die Mutter Pazifistin. Eine Schwester ist für die Grünen in der Kommunalpolitik. Er selbst habe irgendwann einmal gemerkt, "dass ich konservativ" bin.

Nichts zu verlieren

Eickhoff hat keine typische Parteibiografie. Erst mit 31 ist er in die CDU eingetreten. Er muss keine Rücksichten nehmen. Auch nicht in Berlin. Er hat nichts zu verlieren. Noch nicht. Wie die anderen Hugenotten, das neue Netzwerk, das zwar noch lose, aber doch schon einflussreich ist. Immerhin hat Günter Nooke den Listenplatz eins für Berlin. Und Christoph Stölzl soll der neue Parteichef werden. Mit dem Aufstieg der Hugenotten hoffen auch Leute wie der ehemalige Finanzsenator Peter Kurth auf mehr Einfluss in der Partei und auf eine "Machtperspektive". Jenseits der großen Koalition. Schwarz-Grün? "Ja sicher", sagt Eickhoff.

Wie der Name "Hugenotten" entstand, weiß Eickhoff nicht mehr so genau. Aber er weiß, was die Hugenotten wollen. "Wir sind innovativ", sagt er. Eine neue Elite? Wir wollen wieder "ehrliche Konservative" werden. Warum grade jetzt? Seit die Berliner Union nicht mehr durch Regierungsmacht zusammengehalten werde, sei Veränderung möglich. Und dann ist da noch der subjektive Faktor: "Die meisten von uns sind jetzt drei Jahre hier", sagt Eickhoff, "jetzt hat man die passende Wohnung gefunden, die Kinder sind eingeschult und man muss nicht mehr jedes Wochenende zu Ikea fahren." Viele fragen sich jetzt: Was will ich in Berlin?

Es scheint eine Mischung aus persönlichem Ehrgeiz und politischer Überzeugung zu sein, die Eickhoff und seine Freunde antreiben. Ohne die Partei geht im politischen Geschäft nichts. Das wissen sie. Nichts ist bei der Karriereplanung wichtiger, als einen starken Landesverband hinter sich zu haben. Und wie steht es da um Berlin? Über Berlin lacht man nur in der CDU Deutschlands. Das wissen die Zugereisten am besten. Eickhoff wünscht sich deshalb seine CDU "weltläufig, großstädtisch - eben berlinisch". Der Berliner Landesverband müsse der interessanteste in Deutschland werden. Das Projekt der 80er-Jahre, aus der Union eine "liberale Großstadtpartei" zu machen, "sagt nichts mehr", so Eickhoff. Und für die Politik von Eberhard Diepgen und die Zeit in der großen Koalition hat er nur knappe, klare Worte: "Das war Sozialismus mit Westgeld."

Die Machtperspektive

Denkt sich Eickhoff die Union, so ist das eine Partei, "in der das C wieder eine Rolle spielt", die die Bildungspolitik wichtig nimmt, und "in der Bundespolitik ankommt". Dafür will er jetzt Wahlkampf machen. Eickhoff ist Direktkandidat in Lichtenberg und freut sich schon auf Hausbesuche bei den Wählern. Und was ist mit der Vergangenheit der CDU? Der Spendenaffäre? Dem Bankenskandal? Eickhoff nimmt das sportlich. Ich werde den Leuten einfach sagen: "Grüß Gott, ich hab den Diepgen gestürzt."

So viel Neuanfang war in der Berliner Union noch nie. Und manchmal scheint Eickhoff zu vergessen, dass es die alte CDU noch gibt. Er redet dann von der "Machtperspektive im Bund" und dem "Schub", für die Berliner CDU. Aber sie sind ja alle noch da: Die Gefolgsleute von Diepgen und Kittelmann und diejenigen, die unter ihnen etwas geworden sind. Zum Beispiel Fraktionschef Frank Steffel. Ein traditioneller Berliner Christdemokrat, der seit dem Sturz seines Vorgängers Klaus Landowsky vieles bewegt hat. Ohne dessen "Vorarbeit" der Hugenotte Eickhoff CDU-Chef Diepgen nicht hätte stürzen können. Und ohne den auch Günter Nooke nicht auf Listenplatz eins säße.

Dennoch tun sich herzliche Feindschaften auf: Eickhoff über Steffel: "Es gibt Leute, die sitzen immer noch auf ihrem hohen Ross, die müssten mal mit uns reden." Steffel über die Hugenotten: "Die müssen aufpassen, dass sie nicht nur kariert quatschen und dann wieder verschwinden." Frank Steffel weiß genau, dass er noch lange nicht verloren hat. Georg Eickhoff ahnt erst, dass noch nichts gewonnen ist.