Gesprächskreis Hauptstadtunion
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Süddeutsche Zeitung, 24. Mai 2002

Stölzl und die Hugenotten

Der designierte CDU-Chef will die Partei erneuern – und stößt schon auf Widerstand

Von Dorit Kowitz

Es ist Abend, es ist Mai, es ist warm, doch sie sitzen drinnen, im Neonlicht. Die paar Dutzend Leute, die sich gedämpften Schrittes im Preußischen Landtags einfinden, verwenden ihren Feierabend für die Sache. Sie begrüßen sich mit leisem Hallo und diplomatischem Lächeln. Sie sind alle in der CDU, tragen Businesskluft, akkurate Haarschnitte. Frauen sind auch unter den rund 70 im Saal 311, genau fünf. Man sieht Peter Kurth, den ehemaligen Finanzsenator, er trägt einen Schlips in der Farbe von Eiscreme. Man erkennt auch Günter Nooke, den Sprecher der ostdeutschen CDU-Bundestagsabgeordneten, der einmal im Bündnis 90 war. Er sitzt im Präsidium. Nooke knödelt mit dünner Stimme eine Begrüßung in den Raum. Er freue sich, sagt er, dass zum vierten Treffen so viele gekommen seien und sich für die Zukunft der Berliner CDU interessierten. „Und dass wir hier so locker zusammen sitzen."

Er blickt dabei in die Reihen schwarzer Stühle, auf denen Männer in den machtbewussten Jahren und Frauen ohne besondere Merkmale sitzen, die Gesichter eher ernst. Es deutet nichts darauf hin, dass sie Umstürzler sind. Das befürchten aber einige in der Berliner CDU, Frank Steffel zum Beispiel soll davor gewarnt haben. Sie denken, dass aus diesem Kreis, in Saal 311, neue Mitglieder in ihre Landespartei strömen und sie verändern könnten. Wenn das ein Umsturz ist, dann ist die Gefahr real.

Hugenotten nannten sie sich anfangs, die zugereisten oder nach Berlin zurückgekehrten Christdemokraten. Jetzt heißt das Forum, schon arriviert, „Gesprächskreis Hauptstadtunion". Die meisten sind erst in den letzten Jahren nach Berlin gekommen, im Tross der Bundesregierung, als Beamte in Bundesministerien, als Mitarbeiter der Landesvertretungen oder der Unionsfraktion im Bundestag.

Wenn sie sagen, sie kommen aus Minden oder Schwaben, dann stimmt das zwar. Aber zwischen Minden und Berlin lagen Studienjahre im Ausland, Karrieren im gehobenen Dienst, da ölten manche schon die Mühlen der Bundespolitik. Sie verstehen sich als Profis und verstehen nicht, warum die Berliner CDU sie nicht glücklich in ihre Arme schließt.

Georg Eickhoff ist so einer, 36 Jahre alt. Der Historiker arbeitet in der Landesvertretung Baden-Württemberg, als Referent für Bildung. Er war zuvor Büroleiter bei Annette Schavan, der Bildungsministerin in Stuttgart. Eickhoff, seit zwei Jahren in Berlin, tritt hier für die Union zur Bundestagswahl an, als Direktkandidat in Lichtenberg, wo viel Platte in den Himmel ragt und die PDS alles gewinnt. Er hat wenig Aussichten einzuziehen. Eickhoff wohnt in der Karl-Marx-Allee und sagt, „ich bin ein Ossi". Selbst dabei hat seine Sprache schwer den Schlag der Eifel, in der er aufgewachsen ist.

Aber nicht darum ist er schon einigermaßen berühmt in Berlin. Er ist es, weil er im Februar mit einer Gegenkandidatur verhindert hatte, dass Eberhard Diepgen den Listenplatz Eins für die Bundestagswahl bekam. Statt dessen wurde Günter Nooke nominiert. Und daran, dass Frank Steffel morgen, auf dem Parteitag der Berliner CDU, nicht für den Vorsitz kandidiert, ist auch nicht ganz unschuldig. Über Steffel mag Eickhoff nichts sagen, nur metaphorisch: „Wer einen Gegner bekämpft, wird ihm dabei ähnlich." Und ähnlich werden will Eickhoff Steffel sicher nicht.

Eickhoff will, dass die Berliner Union in der Mutterpartei ernst genommen wird, dass man die Nähe zu Bundestag und Bundesrat, die kurzen Wegen nutzen lernt. „Wir haben doch die ganze Kontakte, ich habe doch jede Woche im Bundestag zu tun!" Wenn er über die Berliner Union redet, kann er bissig werden: „Sie hat viele Mittelmäßige, sie hat einige für die Medien. Aber sie hat keine Macher."

MMM: Er muss nicht dazu sagen, dass er sich zu den Machern und Frank Steffel zu den Mittelmäßigen zählt. Und Christoph Stölzl, zu denen, die wirken, nach außen, in die Medien. Im Fernsehen hatte Stölzl im März seine Kandidatur für den Landesvorsitz angekündigt und den Streit um die Diepgen-Nachfolge beendet. Eickhoff sagt, es werde Zeit, ihn endlich zu wählen. „Die Partei ist schon viel zu lange ohne Führung." Im Grunde seit der Wahlniederlage im Oktober 2001.

Stölzl ist an diesem Abend der Redner in Saal 311. Der Mann, der sehr lange Museumsdirektor war, sehr kurz Berlins Kultursenator und kaum länger Feuilleton-Chef der Welt; soll morgen der neue Vorsitzende werden. „Ich gelte als Hoffnung", sagt er, heiser kichernd. „Ein Unsinn! Ich bin 58 Jahre alt." Vor den „Umstürzlern" oder „Hugenotten" ist ihm nicht bange, „in Parteineurosen lasse ich mich auf gar keinen Fall hinein ziehen".

Für einen neuen Stil in der Politik stehe er, wirbt Stölzl: sich öffnen, sich vertragen, sich nicht um Posten hauen. Wie Sauerteig müssten einst die Ideen der Berlin-CDU in der großen CDU aufgehen. „Jeder von ihnen ist herzlich willkommen", wispert er mit seinem stets scharfen süddeutschen S. Der Mann redet, ohne Punkt, mit vielen Kommata und großen Zitaten, von Musil über Tucholsky bis zum Bibelvers. Er wolle motivieren, anfeuern, sagt er, „das kann ich gut". Daher werde er morgen auch nicht groß Programmatisches verkünden. „Ich werde sagen, dass eine Partei, die ein C in ihrem Namen hat, lernen muss, sich zu ertragen. Wer sich selbst nicht achtet, wird von anderen nicht geachtet!"

Die Hugenotten lächeln ab und an. Aber sie lassen ihn nicht ungesühnt plaudern. „Wollen Sie nur moderieren?", fragen sie Stölzl und: Was sind Ihre Ziele? Es herrscht Angst vor Demokratie in dieser Landespartei! Wie wollen Sie sich messen lasen? Werden Sie im neuen Landesvorstand schon wieder von den alten Seilschaften eingerahmt?

Stölzl hatte in den letzten Wochen viele Absagen bekommen. Weder Peter Kurth noch andere, die als die Liberalen in der CDU gelten, hat er für den Landesvorstand gewinnen können. Günter Nooke wollen sie in Berlin nicht als Vize-Chef. „Das wäre anderswo undenkbar", sagt ein „Hugenotte", „wo er doch direkt in die Bundespolitik hinein wirken kann!" Die „größte Frechheit", so findet ein anderer, sei Steffels Behauptung gewesen, „dass Verena Butalikakis Ihre Wunschkandidatin für den Posten des Generalsekretärs wäre!" Wo doch jeder wisse, dass Stölzl andere Favoriten hatte, die aber von Steffel verhindert wurden. Ach, sagt Stölzl, er sei doch kein amerikanischer Präsident, der nach Amtsantritt die Mannschaft komplett austauschen könne. Und Butalikakis sei eine Frau, „damit ist die Frage Frau energisch gelöst!" Sie sei, nicht zuletzt, mit einem Griechen verheiratet und habe „halbgriechische Kinder gezeugt", auch das wirke in eine Stadt hinein, in der viele Nationalitäten zusammen lebten. Und sie gehöre keinem der Berliner Lager an

Butalikakis, 47, fiel bisher nur einmal auf: Als sie 2000 ins Abgeordnetenhaus nachrückte, weil sie ihr Amt als Staatssekretärin aufgeben musste, kassierte sie fünf Monate lang sowohl Bezüge vom Senat als auch Diät. Aber nur eines ging, Geld oder Politik. Butalikakis entschied sich fürs Geld, 10000 Mark für den Ruhestand (mit Mitte 40) statt 5600 für die Politik. „Ich habe zwei Kinder, ich kann auf das Geld nicht verzichten", sagte sie damals. Als blass und farblos wird sie von Berliner Parteifreunden bezeichnet. Die Frau, die von sich sagt, dass sie „sehr loyal" sei, die sachliche Arbeit schätze und sich nie in die Öffentlichkeit gedrängt habe, war schon einmal für den Partei-Job im Gespräch: Der ehemalige Landeschef Eberhard Diepgen hatte sie letztes Jahr im Wahlkampf gewollt. Der erste Vorschlag, den Verena Butalikakis dieser Tage machte, war, Eberhard Diepgen als Ehrenvorsitzenden vorzuschlagen.
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