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Neues Deutschland, 11. Januar 2003

In den Kulissen

Segen fürs rot-rote Rote Rathaus

Von Rainer Funke

Dass er von einer übermäßigen Gottesfürchtigkeit und Demut geplagt würde, kann man dem rot-roten Senat nun wirklich nicht nachsagen bei dem, was er so tut oder nicht tut. Aber alles Gute, was von oben kommt, nimmt man natürlich gern mit. Etwa die freundliche Weihe durch die katholische Kirche.

Erst diese Woche beehrten die Sternsinger das Rote Rathaus – nun schon das zweite Mal, seit SPD und PDS hier ihr Kreuz tragen. Der Chor, von Kanzleichef André Schmitz empfangen, sang seine Liedlein – und segnete die linke Tür zum Senatssitzungssaal, durch die Wowereit, Wolf und Co. meist zur regierenden Tat (oder Untat) schreiten, mit der kreidenen Aufschrift »20 + CMB + 03«. Was in der irdenen Sprache so viel wie »Christus segne dieses Haus für 2003« bedeutet.

Damit diese himmlische Segnung sich nicht in einen teuflischen Fluch verwandelt, müssen die Schriftzüge das ganze Jahr über stehen bleiben. Und das wird den Senat auf ungewohnte Weise fordern. Denn im vorigen Jahr hatte der Kanzleichef alle Mühe, die fleißigen hauseigenen Putzteufel davon abzuhalten, den Spruch zu tilgen.

Ganz nebenbei: Zu den friedvollen Sternsinger-Requisiten gehört sonst lediglich Kreide. Diesmal hatte der Chor aber auch Weihwasser und Weihrauch dabei, mit denen er die Tür benetzte und die Flure beräucherte. Für Rot-Rot im Roten Rathaus hatte diesmal die Kirche alles hervorgeholt, was ihr unendlich heilig und teuer ist. Außer den unendlichen Schätzen aus den Tiefen der kirchlichen Gewölbe, die der Senat als kleine Spende freilich hätte durchaus ebenfalls gut gebrauchen können.

Grusel machte sich bekanntlich vor dem Jahreswechsel in der »Französischen Kirche zu Berlin – Hugenottenkirche« breit, weil CDU-Spezies von außerhalb die Rüpelei begingen, sich des Namens der dereinst französischen Reformierten zu bedienen, obgleich sie nach Eindruck selbiger Kirche sich jedweden Hugenottentums als unwürdig erweisen. Protest kam auch von nicht wenigen Leuten, die sich persönlich von den Hugenotten herleiten oder sich über dieselben definieren. Vergangene Woche erinnerte die Französische Kirche das ND und andere »im Namen der damals Protestierenden«, um der Sache und um Himmels willen daran, dass »diese Parteigruppe« sich in »Hauptstadtunion« umgetauft hat. Allein die Presse nenne sie noch Hugenotten, weshalb allein sie mithelfen könne, dass sie es nicht mehr tut. Wir zumindest haben verstanden.

Ins Rathaus sind im neuen Jahr natürlich nicht nur die Sternsinger, sondern ist ebenfalls der Alltag wieder eingezogen. Was auch darin zum Ausdruck kommt, dass alle Freundlichkeiten politisch bewertet werden. Vize-Senatssprecher Günter Kolodziej etwa erwiderte auf die vor der ersten Senatspressekonferenz dieses Jahres noch im Gang gestellte Scherzfrage, ob er denn für ein neues Jahr sei: »Ich sehe das positiv. Es stellt die Koalition nicht in Frage.«