Gesprächskreis Hauptstadtunion
Start
Aktuell
Papiere
Projekte
Presse
Links
Kontakt
Die folgende Arbeitsübersetzung aus dem Französischen wurde uns von dem Nutzer dieser Internet-Seiten Bernd Basche zugesandt. Wir geben sie unbearbeitet wieder.


Le Monde, Paris, 21. September 2002


Das wiedergeborene Berlin

Die Hauptstadt der Bundesrepublik ist, nach wie vor erdrückt durch die Belastungen der Wiedervereinigung, am Rand des Konkurses. Dennoch fühlt die Stadt das Neue und die Deutschen entdecken sie zu Tausenden wieder.

"Die Hugenotten kehren nach Berlin zurück!" Diese Anekdote lässt einige Nachkommen französischer Protestanten, die im 17. Jahrhundert nach Berlin gekommen waren, um sich in preußische Dienste zu begeben, die Augenbrauen hochziehen. Ein Viertel der Berliner Bevölkerung war französischen Ursprungs. Es blieben einige Traditionen, eine französische Kathedrale auf dem Gendarmenmarkt, dem vornehmsten Platz des Neuen Berlin, und Namen und Ausdrücke. Die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten waren Unternehmer. Sie und die Soldaten trugen dazu bei aus Preußen einen kosmopolitischen Staat zu machen, modern und gut verwaltet: "das ist gleichzeitig ein Synonym für Modernität und Tradition". "Diese Aussage hat die Wirkung einer Rakete gehabt", scherzt Georg Eickhoff, aktiver Christdemokrat, Initiator des letzten dieser neuen exklusiven Klubs, die auf dem Berliner Pflaster seit der Rückkehr der Regierung im Jahre 1999 blühen, gegründet wurden.

Die Geburtsurkunde dieser "Hugenotten", neuem Stils, war die politische Exekution des ehemaligen christdemokratischen Bürgermeisters Eberhard Diepgen durch seinen Rauswurf vom Listenplatz 1 der CDU-Liste für die Parlamentswahlen vom 22. September. Diese blasse Persönlichkeit, typisches Produkt der politischen Klasse West-Berlins aus der Zeit, der Existenz der Mauer, der die Stadt für fünfzehn Jahre regiert hat, hat alle Langlebigkeitsrekorde für Berliner Bürgermeister gebrochen. Er hat die Wiedervereinigung einer Stadt, die lange glaubte, sie könne Metropole werden, gemeinsam mit den Sozialdemokraten verwaltet und dabei ihre kleinen Gewohnheiten beibehalten.

Der Ärger mit Berliner Landesbank in den Händen seines Freundes und grauer Eminenz Klaus Landowsky waren Grund für das Ende dieser Langlebigkeit. Er gab den Sozialdemokraten, die Gelegenheit eines gelungenen Putsches. Im Jahre 2002 gewählt, leitet Klaus Wowereit seitdem die Regierung des Stadtstaates in Koalition mit den Neo-Kommunisten der PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) als unerlässlichem Partner mit 22% der Stimmen bei den Senats-Wahlen, aus dem Teil der Stadt kommend, der Ostdeutschland als Hauptstadt diente, und dort sogar fast 50% erreicht hat. Die Wahl von Herrn Wowereit, jungem Mann und erklärtem Homosexuellem, hat das Signal zur Veränderung gegeben. Immer wie aus dem Ei gepellt, ist er von den neuen Stars der deutschen Medienszene adoptiert worden, die auch in den Waggons des Bundesstaates angekommen sind und an deren Seite er in den örtlichen Gazetten erscheint.

Die Installation der Regierung im Sommer 1999 geschah ohne Brimborium, als wenn man Angst davor gehabt hätte. Ständig verspätet, wurde sie vom Nachfolger Helmut Kohls, dem sozialdemokratischen Kanzler Gerhard Schröder durchgesetzt, der den Provinzialismus Bonns nicht ertrug. Trotz des Verschwindens der Mauer sind die 90er Jahre für die Stadt eine interessante Zeit der Erwartung gewesen. Man hatte geglaubt, das mythische Berlin der 20er Jahre wie ein Phönix aus der Asche wieder erstehen zu sehen. Die großen Baustellen im Herzen der Stadt um das Brandenburger Tor und den Reichstag mit ihren Wäldern von Kränen gaben die Illusion, sie bedeckten die Wunden einer durch Krieg und Eisernen Vorhang verstümmelten Stadt in Erwartung der darunter stattfindenden Erneuerung.

Durch die russischen und westlichen Besatzungszonen geteilt, von Deutschland und vom westlichen Europa durch die DDR abgeschnitten, haben sich in Berlin in vierzig Jahren zwei atypische Gesellschaften entwickelt, die nichts einander näher bringen konnte. Nach den Ereignissen einer Wiedervereinigung die schlagartig die Karrieren der Funktionäre des ostdeutschen Staates ruinierte, brauchten sie Zeit, sich gegenseitig zu akzeptieren und miteinander zu verkehren. Das geschah durch Außenseiter, Künstler, die neue Umgebungen suchten und einige Idealisten und gerissene Bürschchen auf der Suche nach unverhofften Glücksfällen. Hinter den historischen Zentren der Ministerien, den großen kulturellen Institutionen, die den Krieg überlebten, Zeugen einer vergangenen Geschichte, mischen sich Galerien, Cafes und kleine Geschäfte in die alten baufälligen Viertel von Mitte und Prenzlauer Berg, den alten Domänen der ost-deutschen Bohème, die dort unter dem Kommunismus ihre Quartiere aufgeschlagen hatte.

Seite an Seite mit drei großen Opernhäusern und alten Theatern, die zu Zeiten der Mauer auf beiden Seiten der Stadt miteinander um große Subventionen rivalisierten, hat sich das Tacheles, eine Art von Kulturtempel der Protestkultur in einem alten, zur Hälfte zerstörten Kaufhaus eingerichtet, und symbolisiert eine Untergrund-Kultur die mit der offiziellen Kultur streitet. Diese Konfrontation profitiert heute vom reichlich vorhandenen industriellen Brachland Ost-Berlins, das sich vom Zentrum bis zum Ufer der Spree erstreckt und Berlin zu einem der reizvollsten und attraktivsten Plätze in Europa macht. Berlin ist nicht umsonst die Stadt von Barenboïm, Rattle und Abado, der Philharmonie und der Schaubühne; seine Tempel europäischer Kultur, die künstlerische Avantgarde und eine Kultur von Cafés, haben nirgendwo ihresgleichen. Die im Westen vom Föderalismus entwöhnten Deutschen entdecken zögernd nach und nach, diese wiedererstehende Hauptstadt die von Tausenden besucht wird, in der jede Entwicklung Gegenstand einer nationalen Debatte ist. Der vom englischen Architekten Norman Forster veränderte Reichstag stellt sich als das Symbol einer durchsichtigen Demokratie dar. Seine gläserne Kuppel, die den Plenarsaal des Bundestages, in dem die Abgeordneten diskutieren, beherrscht, ist der Meistbesuchteste Ort der Stadt.

Der Bau eines großen Holocaust Denkmals neben dem Brandenburger Tor hat, wie die teilweise Rekonstruktion des Preußischen Schlosses, auf dessen Ruinen die ostdeutschen Kommunisten ihren Palast der Republik mit seiner umstrittenen Ästhetik errichtet hatten, der den Abschluss der Straße Unter den Linden bildet und der seinerseits zerstört werden soll, lange Auseinandersetzungen heraufbeschworen. Im Oktober 1989 sah er mit der vierzig Jahrfeier der DDR seine letzte offizielle Veranstaltung. Die Debatte um diesen Platz im Berlin des neuen Deutschlands, die den Geist des Föderalismus selbst berührt, beginnt.

Es ist zuerst eine Frage des Geldes. Die Stadt hat sich hoch verschuldet um die Wiedervereinigung zu bezahlen. Berlin war vor dem Krieg, das Zentrum renommierter Industrien, AEG, Siemens, und viele andere. Es war den Sitz der Großbanken, es war das unbestrittene wirtschaftliche Zentrum des Landes. Von allem blieb nichts oder nur wenig. Das, was überlebt hatte, wie Industrie im östlichen Teil, die den sowjetischen Demontagen entkam, hat dem Schock der Wiedervereinigung nicht Stand halten können. 50 000 verlorene industrielle Arbeitsplätze allein im Bezirk Köpenick im Süden, der glücklicher Weise aufgrund seiner Innovations- Parks 6 000 davon wiedergeschaffen hat: "Die anderen Bezirke sind auf uns neidisch", sagt die Rechte Hand des Bürgermeisters, Helmut Stern, stolz.. Die Situation ist im westlichen Teil kaum besser. Die Berliner Unternehmer hatten nach dem Krieg kein Interesse in einer Stadt zu bleiben, die von der Welt abgeschnitten war und in der Frontlinie des Kalten Krieges lag. Einige Handwerksbetriebe, haben dank großzügiger, kurz nach der Wiedervereinigung beseitigter Subventionen, weiter bestanden. Viele haben geschlossen. Die Arbeitslosigkeit der Bevölkerung der Ex -DDR beträgt 17%.

Weder die großen Baustellen noch die Ankunft der Bundesinstitutionen haben diese Verluste aufwiegen können. Sie resultiert aus für den kommunalen Haushalt weitgehend ungenügenden Rezepten gegenüber den Belastungen der Wiedervereinigung. Der Senat sah sich von einem Tag auf den anderen einer verdoppelten Stadt und einer übermäßigen Zahl von Beamten gegenüber. "Falls man das mit Hamburg vergleicht, müsste man 30 000 oder 40 000 Posten streichen,", erläutert die Sozialdemokratin Annette Fugmann Heesing, eine junge Frau, die versuchte, wieder Ordnung in die Finanzen von Berlin zu bringen, nachdem sie die Finanzen von Hessen verwaltet hatte.

Man ist jedoch überrascht, wenn man das immense Berliner Gebiet durchquert und sieht was geschehen ist. Strahlend neue Straßenbahnen, Müllfahrzeuge, erneuerte Kanalisation und renovierte Gebäude. Ost-Berlin fühlt das Neue, selbst wenn es nicht überall freimütig fröhlich ist. Es war keine Frage, die Wachtürme und die Sperren, die die Landschaft der ex-kommunistischen Stadt, bis zum Alexanderplatz hinter dem Rathaus beherrschten, zu beseitigen. Die Fassaden sind erneuert und die Wohnungen nach den Vorschriften modernisiert worden. Die riesige Karl-Marx-Allee, Zeuge der stalinistischen Architektur, ist völlig erneuert worden. Der Westen der Stadt hat sich nicht wirklich geändert, der Osten gibt das Gefühl, langsam aus dem Chaos wiederzuerstehen. Die anderen Gebiete sehen diese langsame Metamorphose, die die Reichsten zum Teil durch den überregionalen Ausgleichsfonds finanzieren, aus gemilderter Sicht. Sie befürchten das es die Stadt eines Tages nicht schaffen wird ihre Lebenskräfte wieder zu finden. Vivendi hat gerade den Hauptsitz von Hamburg an das Ufer der Spree verlegt und, in den kreativsten Bereichen, wartet eine Anzahl von Unternehmen auf den Moment wo sie den Sprung machen, um am Abenteuer teilzunehmen. Dafür wird auch das Geld in Berlin ankommen müssen. Sobald der Name des neuen Kanzlers bekannt ist, wird auf die Neuverhandlung des Hauptstadtvertrages, der die Bundesregierung an die Stadt bindet von den neuen Regierenden mit Ungeduld gewartet. Das Rathaus schließt nicht aus, die Stadt Konkurs zu erklären, um so die zukünftige Regierung dem Gesetz entsprechend zu verpflichten, einen beauftragten Kommissar zu ernennen, der den Haushalt wieder in Ordnung bringt. Es wäre an ihm, unliebsame Maßnahmen zu ergreifen, wie die Reduzierung des kommunalen Personalbestandes und über das Schicksal der großen kulturellen Institutionen, die die Stadt nicht mehr bezahlen kann, zu entscheiden.

Berlin hat Sofortbedarf für Handlungsspielraum für Investitionen für neue schöpferischen Aktivitäten. Es fehlt weder an Ideen noch am Willen. "Berlin ist keine Metropole aber sie beginnt, den Weg dahin einzuschlagen", stellt die ost-deutsche Photographin Suzanne Schleyer fest. Sie beschwört eine große Gärung herauf. Die Bevölkerung der Stadt, offiziell 3,5 Millionen Einwohner - sie hatte 4 Millionen im Jahre 1939-, erhöht sich nicht. Aber sie ändert sich. Der Verleger Jochen Visscher erinnert daran, daß eine Million Menschen die Stadt seit der Wiedervereinigung verlassen haben und eine gleiche Anzahl hinzugekommen sind.

Die bessere Vorkriegsgesellschaft, existiert schon lange nicht mehr. Die großen industriellen Dynastien und jüdischen Wissenschaftler sind im Exil oder in den Lagern verschwunden. Die Hinterbliebenen der Aristokratie sind dem Unternehmensbürgertum in den Westen Deutschlands gefolgt. Beim Fall der Mauer bestand Berlin im Westen aus einer neugierigen Mischung aus Kleinen Leuten, Intellektuellen und Künstlern, die hinter der Mauer eine schöpferische Freiheit, die sie anderswo nicht hatten, suchten, und von Türken oder Europäern aus dem Gefolge alliierter in der Stadt bis 1994 stationierter Truppen.

Georg Eickhoff "der Hugenotte" der Beamte aus dem Bundesland Baden-Württemberg, ist seit zwei Jahren dort. Mit 37 Jahren, nachdem er in Nord- und Südamerika auf Achse gewesen ist, verkörpert er eine Welle junger politischer Führungskräfte, Akademiker, und Geschäftsleute, entschlossen sich ins alte Berliner Spiel einzumischen, um die Gewohnheiten durcheinander zu bringen. Es entstehen vorrangige Cliquen, die mit extravaganten Personen wie der Frau des Exbotschafters der Schweiz, die mit Ihren Festen das neue Berliner Gotha bezauberten. Eine neue politische Gesellschaft versucht, links wie rechts mit neuen Ehrgeiz für die Stadt durchzubrechen. Eickhoff hat sich der Herausforderung gestellt, für die Parlamentswahlen den Neo-Kommunisten in Lichtenberg, einer ihrer Hochburgen in Berlin, zu trotzen. In Jeans mit offenem Kragen, macht er Wahlkampf, in dem er von Hochhaus zu Hochhaus an den Türen, klingelt, um seine Farben zu verteidigen: "die CDU gegen die Sie möglicherweise gar nichts haben?" Georg Eickhoff und seine Freunde haben Professor Christoph Stölzl, den ehemaligen Direktor des Museums für Deutsche Geschichte und entlassenen Senator, an die Macht an der Spitze der örtlichen CDU getragen. Dieser bayerische Historiker will Deutschland überzeugen, daß es notwendig ist, die Idee einer offenen, europäischen Hauptstadt, die jedem Deutschen gehört, zu akzeptieren.

Henri de Bresson